Im Gespräch: Abbas Khider

Samstag, 09. März 2019 (14:00 Uhr)

Deutsch für alle

Mit „Deutsch für alle” steigt Abbas Khider (Foto © Peter-Andreas Hassiepen) in dieser Woche direkt auf Platz 8 der SPIEGEL-Bestsellerliste Hardcover-Sachbuch ein. 1973 in Bagdad geboren, wurde Khider mit 19 Jahren auf Grund seiner politischen Aktivitäten verhaftet. 1996 konnte er fliehen und hielt sich seitdem als illegaler Flüchtling in verschiedenen Ländern auf, bis er 2001 schließlich nach Deutschland kam. Hier studierte er Literatur und Philosophie in München und Potsdam. 2008 erschien sein Debütroman „Der falsche Inder”, darauf folgten weitere preisgekrönte Titel. 

„Deutsch für alle” ist sein erstes Sachbuch, ein Trostbuch für alle Deutschlernenden und deren Angehörige, für Einwanderer und Menschen in mehrsprachigen Liebesbeziehungen und es ist ein herrliches Handbuch für alle, die glauben, die deutsche Sprache bereits zu kennen und Spaß an ihr haben.

Im Interview mit dem Hanser Verlag verrät Abbas Khider die Gründe, warum er sich entschied, eine Anleitung für die Deutschen Sprache zu verfassen, er berichtet von seiner Liebe zum deutschen Hauptsatz und warum ihm Humor wichtig ist. 

Hanser: Hitler, Scheiße, Lufthansa. Diese drei deutschen Wörter kannten Sie, lieber Abbas Khider, als Sie vor über zwanzig Jahren aus dem Irak geflohen sind. Nun erscheint ein Buch von Ihnen mit dem Titel Deutsch für alle – Das endgültige Lehrbuch. Was soll das denn?

Khider: Nach fast zwei Jahrzehnten in Deutschland ist mein Wortschatz zum Glück etwas angewachsen. Ich kann nun mehr als: Hitler, Scheiße und Lufthansa. In dem Büchlein geht es um diese zwei Jahrzehnte und wie ein Einwanderer im Erwachsenenalter das Deutsche, die Deutschen und Deutschland kennenlernt und wahrnimmt. Was machen diese drei Ds mit einem Menschen? Es geht also hauptsächlich um den Blick von außen. Es ist kein Buch über die Trockenheit der deutschen Grammatik, sondern mehr eins über ihre Feinheiten und ihre Knackpunkte, über die Leichtigkeit im Spracherwerb und über die Sehnsucht nach Unbekümmertheit in der Fremde. Eine heitere humoristische Mischung aus all diesen Dingen. Sprachspaß und Stichelei! Dabei hatte ich mir beim Schreiben ein Ziel gesetzt: Auf der einen Seite wollte ich damit den Einwanderern den Einstieg in die deutsche Sprache erleichtern und den ganzen Spracherwerb als realisierbar in ihrer Wahrnehmung gestalten, und auf der anderen Seite versuche ich das Mitfühlen der Deutschen so zu verstärken, dass sie ihre Sprache durch den Blick von außen neu betrachten können.

Ihre Liebe zum deutschen Hauptsatz und seiner Flexibilität ist groß, ansonsten sehen Sie überall Verbesserungsbedarf und wissen alles besser. Kann es sein, dass Sie Deutscher sind?

Ja, ich liebe den deutschen Hauptsatz und verachte den Nebensatz. Der deutsche Hauptsatz ist eine Schatzkammer der Flexibilität, der andere Satz hingegen ist langweilig, trocken und ramponiert, denn man darf das Verb nur ans Ende des Satzes stellen, wie bei den Relativsätzen. Wieso? Das weiß keiner. Und ich weiß auch nicht alles besser. Ich bin eben keiner dieser Politiker, die eine Antwort auf alle Fragen des Lebens haben. Selbst wenn ein Urbewohner unter Verstopfung leidet, wissen diese Politiker weshalb: ein Fremder hat sich da versteckt. Im Allgemeinen weiß man nicht alles besser, wenn man irgendwo Verbesserungsbedarf sieht. Das hat mit Jammerei zu tun. Und wir jammern gern, ich meine, mit „wir” hier: wir Deutschen. In den letzten Jahren jammert das ganze Volk, über alles Mögliche. Politisch ist das Land eine Bundesrepublik der Jammer-Bürger geworden, einige nennen sich sogar Wut-, Hass- oder Brüll-Bürger. Oder werden sie so genannt? Also, wenn alle jammern, darf ich das auch. Über die Sprache und wie die meisten im Lande über das Wetter oder die Deutsche Bahn. Und vermutlich bin ich im Jammern deutscher als viele Deutsche geworden. Ich jammere mehr als sie und übertreibe nun ordentlich und schreibe all das auf. Ich betreibe das Jammern in seiner höchsten Steigerungsform – ich bin ein Superlativ-Deutscher!

Ich habe das Gefühl, Ihnen geht es mehr darum, autobiographische Geschichten zu erzählen, als darum, sich ernsthaft mit der deutschen Sprache auseinanderzusetzen.

Ich bin ein Geschichtenerzähler und kein Sprachwissenschaftler. Ich liebe das Seltsame und das Heitere im Leben, trotzdem bin ich ein ernsthafter Mensch, wenn es nötig ist. Hier kommt das Heitere und das Ernsthafte zusammen. Ich wollte aus einigen ziemlich langweiligen Themenfeldern etwas Unterhaltsames zaubern: Spracherwerb, Streben und Integration. In diesen drei Bereichen habe ich viele Erfahrungen gesammelt. Also, all das mit autobiografischen Elementen und Geschichten darzustellen, das war meine Absicht. Das ganze Thema „Migration und Co” aus einem anderen Blickwinkel darzustellen.

Sie etablieren in Ihrem Buch neue bayrisch-arabische Präpositionsformen und schieben alle Umlaute aus der deutschen Sprache ab. Hierfür hoffen Sie sogar auf Unterstützung aus dem rechtsradikalen Milieu. Herr Khider, machen Sie sich lustig über Deutschland?

Es war mir ein reines Vergnügen, dieses Buch zu schreiben. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel beim Schreiben gelacht, wie beim Verfassen dieses Buches. Ich mache mich tatsächlich über vieles lustig, über Araber, Migranten, Deutsche, Politiker und Intellektuelle und über mich selbst, ebenfalls über Allah. Ich hoffe, dass kein Übersetzer je auf die Idee kommt, das Kapitel Die Präpositionen von Allah ins Arabische zu übersetzen! Selbst über Rechtsradikale kann ich lachen, auch wenn sie mich wahrscheinlich beschimpfen und bedrohen werden, wie sie es in den letzten Jahren bereits ab und zu taten. Meine Absicht beim Schreiben war: den Lesern ein Lächeln zu schenken, auch wenn die Thematik unangenehm ist.

Interview © Hanser Verlag

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