Lea Singer

Verdis letzte Versuchung

Literatur – Musik – Philosophie: In der Flut an Neu­erscheinungen in diesem Herbst/Winter gibt es einige beachtenswerte Fundstücke zu entdecken.

Verlag: Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann
Seiten: 272
Preis: 19,99 €
ISBN: 9783570580318
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Futter fürs Gemüt
Es gibt Truhen, die gehören in jeden Haushalt. Sie nehmen nicht viel Platz ein und bergen dennoch eine Fülle von Schätzen. Sie sind krisenfest, wertbeständig und liefern Futter fürs Gemüt in allen Lebenslagen. Die „Essais“ von Michel de Montaigne sind eine solche Schatztruhe. Hunderte moderner Ratgeber taugen nichts, ver­glichen mit Montaignes klugen Beobachtungen, die mehr als 400 Jahre überdauert haben. Einst Gerichtsrat, Philosoph, Weingutbesitzer, Bürgermeister und Privatier, verfolgte Montaigne nur ein Ziel: den geheimnisvollen Gesetzen des Lebens auf den Grund zu gehen und dabei die eigene Freiheit zu finden und zu wahren. Rund 2000 Seiten füllen seine Essays, eine Menge Stoff. Wem das zu viel ist, sollte sich der englischen Schriftstellerin Sarah Bakewell anvertrauen. In ihrem Band „Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten“ hält sie ein feuriges Plädoyer für diese Essays, deren Wirkung sie als „berauschend“ einstuft. Ein Rausch ohne Rezeptpflicht, der sich auf alle zentralen Fragen richtet: Ein Leben allein oder mit Partner? Maßhalten oder Ausschweifen? Diktatur oder Wahlfreiheit? Geduld wahren oder in Hektik verfallen?

Das Chaos des Lebens ist verwirrend genug, da braucht es Leitplanken. Bakewell hat sie in Montaignes Gedankenwelt gesucht und geschickt herausgefiltert. Sie will den Leser nicht zwangsbeglücken, das wollte auch Montaigne nicht. Sie möchte vielmehr für seine Gedankenwelt begeistern und zeigen, dass Lebensfragen ganz ohne philosophischen Ballast, ohne Besser­wissertum und ohne den Mief des Gelehrigen beantwortet werden können.

Wie das Leben so spielt – Mark Twain hat es uns ­verraten und dennoch lange geheim gehalten. 100 Jahre, so hatte er verordnet, müssten nach seinem Tod vergehen, bis seine Autobiografie veröffentlicht werden dürfe. Ein Skandalbuch etwa? Mitnichten. Vor zwei Jahren war die Frist endlich um. 2010 erschienen seine Aufzeichnungen zuerst in den USA, jetzt auch in deutscher Übersetzung mit dem treffenden Titel „Meine geheime Autobiographie“. Ein mehr als 700-Seiten-Wälzer. Dazu gibt es einen zweiten Band mit Anmerkungen, einer ausführlichen Ent­stehungsgeschichte und weiteren Materialien. 35 Jahre lang hat sich Twain mit diesem Werk herumgeschlagen, er hat diktiert, geschrieben, geändert.

Ein heterogenes Sammelsurium ist entstanden, lästermäulig und kritikerscharf, auffallend im weitgehenden Verzicht auf Twains sonstigen Humor. Das Buch liest sich wie eine Collage. Der große erzählerische Bogen fehlt, doch aus lauter Puzzleteilen entsteht dennoch ein Panorama: Twain nimmt die amerikanische Gesellschaft ins Visier, vor allem die Steinreichen, er beäugt die Politik, er hält seine Europa-Eindrücke fest – all das teils zynisch, teils augenzwinkernd. Mal klappt es nicht mit dem Telefonanschluss, mal merkt er, dass er Pferde zu teuer bezahlt hat. Mehr als eine Zugabe ist der Ergänzungsband. Er erlaubt dem Leser, Twain überall hin zu folgen. Wo der Autor seinen Faden zu verlieren drohte, schließen die Anmerkungen wichtige Lücken.

Giuseppe Verdi hat leider keine Autobiografie hinterlassen. Zwar ist vieles aus seinem Leben gut und hinreichend dokumentiert, doch bleiben Flecken, die allein die Fantasie schließen kann. Lea Singer ist unter ihrem eigentlichen Namen Eva Gesine Baur bereits biografischen Fährten von Chopin, Mozart und Freud gefolgt. Jetzt hat sie sich Verdis Situation ausgemalt, als er die Sopranistin Teresa Stolz kennenlernt und sie immer mehr an Bedeutung gewinnt, während seine Frau Giuseppina – ebenfalls eine einst gefeierte Sängerin – dem Treiben ihres Mannes einsam und verunsichert zusieht. Teresa Stolz trennt sich von ihrem Verlobten, singt 1871 die italienische Erstaufführung der „Aida“. Giuseppina fordert eine Entscheidung, doch Verdi tobt: „Diese Frau bleibt oder ich erschieße mich.“ Der öffentliche Klatsch, den Verdi bereits mit seiner Beziehung zu Giuseppina befeuert hatte, lebt wieder auf. Schließlich arrangiert man sich. Wie? Das verrät Lea Singer. Jede der Figuren erzählt aus ihrer Perspektive: Giuseppina, die Einsame, Verdi, der Gespaltene und an seiner Arbeit Leidende, sowie Teresa, die Entflammte. Es ist eine ins reale Leben verkehrte Opernsituation: Nur stehen sich nicht zwei männliche Rivalen gegenüber, sondern zwei Frauen, die um den berühmtesten Musiker Italiens buhlen. Aufgrund verbürgter Fakten hat Lea Singer daraus einen Roman geformt. In Erwartung der vielen Sachbücher, die zum Verdi-Jahr 2013 (200. Geburtstag des Komponisten im Oktober 2013) erscheinen werden, dürfte dieses Werk eine Ausnahme darstellen.

Um eine Frau zwischen zwei Männern geht es in „Madame Bovary“, Gustave Flauberts Klassiker, den Elisabeth Edl neu übersetzt hat (und den Christian Brückner als Hörbuch in der Edition parlando auf 2 MP3-CDs gelesen hat). Eigentlich muss sich die Protagonistin Emma gar nicht entscheiden, trotzdem gerät sie immer tiefer in einen Strudel aus Verlangen und Enttäuschung. Ein radikales Buch, im 19. Jahrhundert wie heute in seiner grausamen Gradlinigkeit immer noch verstörend. Es adäquat zu übersetzen, ist ein Balanceakt, denn Flaubert hat an seinen Sätzen endlos gefeilt. Schreiben war ihm harte Arbeit, nicht zugeflogenes Talent. Deswegen ist es schwer, seinen Stil eins zu eins ins Deutsche zu übertragen. Die deutschen Übersetzungen lassen sich also kaum miteinander vergleichen. Warum Elisabeth Edl genau das in ihrem Nachwort tut und warum sie alle Vorgänger-Versionen als unzureichend einstuft, bleibt ihr Geheimnis. Zumal sie die Messlatte für ihre eigene Übersetzung damit unnötig hochhievt. Edl hat sich an Flauberts Satzmelodie, an seiner Rhythmisierung orientiert und sie ins Deutsche zu übertragen versucht. Bei einzelnen Begriffen ist sie direkter als viele Übersetzer vor ihr. Das wirft teils ein neues Licht auf diesen Text. Fragwürdig sind dagegen die Stellen, wo Flaubert andeutet und geheimnisvolles Schweigen dem Gebot realistischen Erzählens vorzieht. Natürlich braucht jede Zeit ihre Übersetzung: Edl hat „Madame Bovary“ für die Gegenwart geliefert, mit vielen Vorzügen und einigen Tücken.

Über jedem Beginn hängt eine Erblast, und die hat Jan Knopf gleich zu Beginn seiner Bertolt-Brecht-Biografie benannt: 48 Stücke, mehr als 2300 Gedichte, drei Romane und knapp 200 Erzählungen. Knopf kennt sie alle, vermutlich keiner ist mit Brechts Werk vertrauter als er, der unter anderem die große Werk-Ausgabe betreut hat. Nun hat Knopf sein Wissen in eine Biografie gegossen, die erste große Brecht-Biografie seit Langem. Natürlich ist die Gefahr groß, bei so viel Kenntnis zu verschleierter Bewunderung zu neigen. Dem kann sich auch Knopf nicht ganz entziehen, trotzdem wahrt er Distanz genug, um vor allem die späten Werke Brechts kritisch zu betrachten. Der aus Thüringen stammende Literaturwissenschaftler liefert nicht nur ein umfassendes Brecht-Bild, sondern blättert auch vier zentrale Kapitel des 20. Jahrhunderts auf: das Ende des Kaiserreichs, die Weimarer Jahre, die Zeit des Faschismus und der Neubeginn in einem neuen deutschen Staat. Ein facettenreiches, schillerndes Porträt!

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