Andrea Maria Schenkel

Finsterau

Ein Mord: „Zwei Jahre nach dem Krieg war’s, und keiner will es hören“ – Andrea Maria Schenkel hat ihre vierte Verbrechensgeschichte geschrieben und setzt dabei auf erfolgreiche, unkonventionelle Muster.

Verlag: Hoffmann und Campe
Seiten: 125
Preis: 16,99 €
ISBN: 9783455403817
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Fragen jenseits des Verbrechens
Die Eingangsszene erinnert ein bisschen an das Entrée bei „Derrick“ oder „Der Alte“: Nächtliches Kehraus in einer Schankstube, ein Gast bleibt sitzen, sturzbetrunken, faselt etwas von Polizei und einem Mord, von dem niemand mehr etwas wissen will, weil er schon eine gefühlte Ewigkeit zurückliegt. Der Mann duselt ein, am nächsten Morgen ist er verschwunden. – Schnitt, Szene beendet. Nachfolgend jedoch schiebt sich kein Kommissar in die Protagonistenrolle, kein Harry-hol-schon-mal-den-Wagen-Assistent und auch kein Detektiv. Klassische Ermittler sind Andrea Maria Schenkel suspekt: „Meistens sind sie Stereotype: der Grantler, der ver­hinderte Intellektuelle.“

Wer bereits „Tannöd“ und „Kalteis“ gelesen hat, geht recht in der Annahme, dass sie auf diese Figurenspezies auch in ihrem neuen Band verzichtet. Es gibt weitere Parallelen: Auch in „Finsterau“ folgt die Darstellung nicht chronologischen Kriterien; sie speist sich aus Aufzeichnungsprotokollen und Zeitungsnotizen, zusammengetragen und behutsam um einige Handlungsstränge ergänzt von einem zurückhaltenden, auf Präzision bedach­ten Erzähler. Der Mord ereignete sich rund zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in einem kleinen Dorf mitten im Bayerischen Wald: Schwanger war die junge Afra zurück in ihr verhasstes Elternhaus gekehrt, das sie Jahre zuvor verlassen hatte, um anderswo ihr Glück zu finden. Nach der Geburt ihres Sohnes Albert nahm das Gerede im Dorf zu, und auch die Spannungen zwischen Afra und ihrem Vater Johann wurden von Tag zu Tag größer – bis die ledige Mutter eines Tages blutüberströmt in der Wohnstube lag ...

Schenkel ist keine Verfechterin ausschmückender Dar­stellungen und unnötiger Erläuterungen. Keines ihrer Bücher übertraf bislang die 150-Seiten-Marke: „Mein Entwurf ist meist dicker, aber auch nicht sehr viel“, gestand sie in einem Zeitungsinterview. „Beim Überarbeiten bin ich dann relativ unbarmherzig. Beim ersten Durchgang schreibe ich immer alles auf, ich schreib und schreib und lösche nichts. Beim nächsten Durchgang wird das Buch schon dünner. Und beim letzten bin ich so rigoros, dass ich aufpassen muss, dass ich überhaupt noch was drin lasse.“

Auch „Finsterau“ erinnert vom Umfang her eher an eine groß angelegte Novelle. „Die Kunst liegt im Weglassen“, hat die Autorin einmal festgestellt. Sie will andeuten, der Fantasie des Lesers Freigang gewähren. Eines aber ist neu: Hat sie 2008 in einem Magazininterview die Frage, ob sie eine „Krimiautorin“ sei, noch vielsagend offen gelassen, so verwendet sie für „Finsterau“ – ihr Verlagsdebüt beim Hamburger Verlagshaus Hoffmann und Campe – erstmals den Unter­titel „Kriminalroman“. Nimmt man Schenkels eigene Lese­gewohnheiten zum Maßstab („Ich lese bei Krimis grundsätzlich das Ende zuerst“), erfährt man auf der letzten Seite zwar den Namen des Täters, doch nimmt dies nichts von der Spannung: Hergang und Rekonstruktion, Figurenzeichnung und Moti­vierung der Handlung bleiben davon unbeeinflusst.

Wie schon in ihrem Erstlingswerk, dem 2006 veröffentlichten und drei Jahre später fürs Kino verfilmten Roman „Tannöd“ streift Schenkel geschickt verschiedene Genres und mischt sie miteinander: ein bisschen Kriminalstück, ein bisschen Erzählung, ein bisschen Bericht; kein Heimat­roman und auch kein Geschichts­roman.

Andrea Maria Schenkel meidet klassische Muster und fühlt sich damit wohl. „Die Bücher sind für mich Übungen, mich immer weiter freizuschreiben“, gesteht sie. Einen Frei­schwimmerschein braucht die Autodidaktin ohnehin nicht. Allein „Tannöd“ hat ihrem damaligen Verlag Auflagen­zahlen beschert, die man dort allenfalls vom Hörensagen kannte. Allerdings war das Buch bereits rund ein Jahr auf dem Markt, bis es – u. a. befeuert durch ein Fernsehlob von Elke Heidenreich – im Ruckzuckverfahren den Spitzenplatz der Bestsellerlisten erklomm. „Plötzlich musste ich über ein Buch reden, das für mich schon Ewigkeiten zurücklag“, dabei hatte sie das zweite zu diesem Zeitpunkt längst fertig.

„Kalteis“ und „Bunker“ haben die Erfolgsgeschichte ungebremst fortgesetzt. 2007 erhielt Schenkel den „Deutschen Krimi­­preis“, den „Friedrich-Glauser-Preis“ sowie – in Verbindung mit der Hörbuchfassung – den „Corine“-Leser­preis, ein Jahr später folgte mit dem „Martin Beck Award“ der schwedische Krimipreis.

Andrea Maria Schenkel hat ihre schriftstellerischen Am­­bi­tionen lange Zeit unter der Decke gehalten, teils heimlich in ihrem Haus nahe Regensburg geschrieben. Sie ist tief mit der Gegend und der Stadt verwurzelt: „Meine Familie lebt hier schon seit Generationen, und auch ich wurde hier geboren.“ Überall wittert sie Erlebtes oder erzähltes Erleben. Zwar wird ihr diese Nähe mitunter auch zur Last – eine „Enge, die ich abschütteln möchte, wie sich ein nasser Hund abschüttelt“ –, doch weiß die Autorin genau, dass sie ohne Regensburg und den speziellen Dialekt dort „nicht leben und arbeiten“ kann.

In den 60er-Jahren bewohnte sie mit ihrer Familie ein Haus mit Sudetendeutschen, Vertriebenen, die ausgiebig aus ihrem leidgeplagten Leben erzählten. Hier bekam sie schon früh eine Ahnung davon, was es heißt, in die Abgründe von Seelen hineinzuschauen und sich ein vages Bild von fernen Tätern zu machen, indem sie durch die Brille ihrer Opfer schaute. Kein Wunder also, dass ihr erster Roman beinahe heimlich entstand, als Ergebnis eines verborgenen Erzähldrangs, den sie zuvor in Form von Kurzgeschichten ausgelebt und ihrer eigenen Familie gegenüber verheim­licht hatte. Wenn die Kinder schliefen, verkroch sie sich ins Oberstübchen in ihrem Haus und tüftelte an „Tannöd“. Als sie fertig war, begann die übliche Tingeltour eines Newcomers nach einem geeigneten Verlagspartner.

„Ich habe mir keinerlei Illusionen darüber gemacht, dass der Weg, der vor mir lag, steinig ist. Alles andere wäre Selbst­betrug, Traumtänzerei gewesen.“ Neun Absagen und einige kluge Ratschläge erhielt sie, doch schließlich ging „alles schneller als gedacht“.

Auch innerhalb der Familie war es nun mit der Ge-­

heim­­nis­krämerei vorbei. Für ihr zweites Buch floh sie daher nach Irland, zahlte üppiges Geld für Übergepäck, um die komplette Materialsammlung mitzunehmen: „Wenn Sie so wollen, klinke ich mich für Momente aus der Realität aus.“ Gleichzeitig gibt Schenkel zu, an jedem Ort, ob im Auto oder im Hotel­zimmer, schreiben zu können. Hauptsächlich jedoch benötigt sie Ruhe, arbeitet daher gern abends, auch um den eigenen (Schreib-)Rhythmus zu finden: „Ich brauche meinen Laptop vor mir, und am besten setze ich mich ganz bequem, nicht an einen Schreibtisch, sondern aufs Bett oder auf die Wohnzimmercouch.“ Produzieren und Reproduzieren sind für sie zwei Arbeitsgänge, die zusammengehören. Oft liest sie ihre Texte auch laut, weil sie dann leichter merkt, „ob es an einer Formulierung hakt“.

Schenkel spielt gern mit der Sprache und auch mit dem Leser: „Ein typischer Krimileser“ sei „ein ordentlicher Mensch. Der will am Anfang das Chaos“, und schließlich jemanden, der in der Lage ist, dieses Chaos zu lichten und Struktur hineinzubringen. Doch sie meidet solche Art Aufräumarbeiten bewusst: „So ein Leser ist bei mir enttäuscht“, denn in ihren Büchern ist „hinterher nichts aufgeräumt“ – vielleicht sogar schlimmer als vorher. Ein Rezensent der „Welt“ lobte daher 2009 ganz trefflich: „Das Unterlaufen von Erwartungen ist neben dem Gebot, nicht zu langweilen, die vornehmste Aufgabe eines Kriminalromanciers. Beide Missionen hat Schenkel, die das Genre bereichert, mit Bravour erfüllt.“

Der Leser trägt Andrea Maria Schenkels Bücher auch nach Lektüre der letzten Seite mit sich herum, auch wenn sie nach etwas mehr als 100 Seiten beendet sind – scheinbar!

Für alle Hörbuchfans gibt es „Finsterau“ in ungekürzter Fassung, gelesen von der Autorin höchstpersönlich. www.andrea-schenkel.de

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