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Nesbø, Jo
Leopard
In diesem Frühjahr ist der neue Roman von Skandinaviens Krimistar Jo Nesbø erschienen. „Leopard“ ist Kommissar Harry Holes achter Fall
und ein Prachtstück des Genres. Verlag: Ullstein Verlag
ISBN-Nr: 9783550087745
21,95 €
Seiten: 704 |
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Der kalte Hauch der Angst
Jo Nesbø, Jahrgang 1960, ist ein Mann mit vielen Talenten: Mit 17 spielte er Fußball in der ersten norwegischen Liga und sein großer Traum war es, Profi bei den Tottenham Hotspurs zu werden. Als eine schwere Verletzung ihm einen Strich durch die Rechnung machte, sattelte er kurzerhand um und wurde erfolgreicher Börsenmakler. Parallel zu seinem Job in der Aktienbranche komponierte er Musik, schrieb Songtexte und avancierte schließlich mit einer Heavy-Metal-Band zum Popstar. Zum Glück für alle Krimifans war ihm der Spagat zwischen dem Tagewerk eines Traders und der Nachtschicht eines Musikers bald zu aufreibend. Erschöpft von der Doppelbelastung nahm er sich einige Monate Auszeit, setzte sich in einen Flieger nach Sydney und dachte sich während des 30-stündigen Fluges die Handlung seines ersten Romans aus: die Geschichte eines Typen, den er Harry Hole nannte, der in einem Flugzeug nach Sydney saß ... In sieben Wochen schrieb Nesbø sein erstes Buch nieder und reichte das Manuskript bei einem Verlag ein – unter Pseudonym, weil er nicht wollte, dass der Verlag in Versuchung kam, allein aus finanziellen Interessen das Buch eines bekannten Popstars zu verlegen. Der Verlag griff zu und Nesbøs literarische Karriere begann mit einem Paukenschlag: „Der Fledermausmann“ (1997) wurde in seiner norwegischen Heimat als „Bester Kriminalroman des Jahres“ ausgezeichnet und fand eine begeisterte Leserschaft. Mit „Rotkehlchen“ (2000) gelang ihm auch international der Durchbruch. „Ich finde es interessant, mich mit den Abgründen der menschlichen Seele zu befassen“, hat Jo Nesbø in einem Interview bekannt. Wie tief und grauenvoll diese Abgründe sein können, zeigt er in seinem neuen Kriminalroman „Leopard“ auf eindringlichste Weise. Die Geschiche beginnt wie ein Alptraum: Eine Frau erwacht in einem finsteren Raum aus der Ohnmacht. Sie lauscht ihrem panischen Atem und starrt in die Dunkelheit. Ein Mann hat sie gekidnappt, ihr ein Messer an den Hals gesetzt und gezwungen, eine Metallkugel in den Mund zu nehmen, die nun so heftig von innen gegen die Mundhöhle drückt, dass die Gepeinigte gewiss ist, bald ersticken zu müssen. Aus der Kugel ragt ein roter Draht mit einer Schlinge hervor und der Peiniger hat ihr – bevor er eine Betäubungsspritze setzte – ins Ohr geflüstert, sie solle den Draht nicht anrühren. Das grausame Spiel lässt ihr keine Wahl. Dem Ersticken nah, greift sie zu der einzigen Chance, die ihr bleibt: Ihre Finger finden den Draht auf ihren Lippen und sie zieht daran. Aus der Kugel schießen Nadeln und bohren sich nach allen Seiten in den Kopf. Die Frau ertrinkt an ihrem eigenen Blut, das ihr in Rachen und Lunge strömt. Aufzeichnungen von unbekannter Hand folgen unmittelbar auf die Schilderung der grässlichen Tat: Ist es der Täter, der hier spricht, der über die Frage sinniert, was es ist, das einen Menschen zum Mörder macht – ein genetisch bedingtes Erbe, rationeller Wahnsinn oder eine lebensrettende Krankheit? Für diese Stimme ist Töten offensichtlich nichts anderes, als die Beschleunigung des Unabwendbaren, im Grunde ein barmherziger Akt, der Leid und Schmerz beendet, die das Leben ausmachen. Die Aufzeichnungen enthalten vage Andeutungen auf ein mögliches Motiv und lassen vor allem an einem keinen Zweifel: dass sich ein gnadenloses Drama abspielen wird. Nur einige wenige, atmosphärisch ungemein dichte Seiten braucht Jo Nesbø, um den Leser in diese abgründige Geschichte zu ziehen und ihm einen ersten kalten Schauer über den Rücken zu jagen. Indem er in den beiden kurzen Startkapiteln sowohl die letzten Gedanken und verzweifelten Handlungen des Opfers beklemmend detailliert schildert als auch die Innensicht eines offensichtlich in die Ereignisse Verstrickten präsentiert, gibt es für den Leser keinen Anlauf und kein Verschnaufen. Der Auftakt ist so brillant gewebt, dass der Blick auf die folgenden 700 Seiten dem passionierten Krimifan als wahre Verheißung erscheint. Als eine zweite Frau auf die gleiche Weise stirbt, steht Oslos Kriminalpolizei vor einem großen Dilemma: Der einzige Kommissar, der Erfahrungen mit Serienkillern hat, ist Harry Hole, doch der ist seit Monaten außer Dienst. Sein letzter Fall hat ihn völlig aus der Bahn geworfen. Seine Lebensgefährtin Rakel und deren Sohn Oleg wurden hineingezogen und schwebten in Lebensgefahr. Daraufhin haben sie ihn verlassen und sich aus Norwegen abgesetzt. Auch Harry Hole hat die Brocken hingeschmissen und das Land verlassen. Er hält sich in Hongkong auf und ist in einem jämmerlichen Zustand, einem Kriminellen ähnlicher als einem Kommissar. Die junge Kollegin Kaja Solness wird nach Asien geschickt, um ihn zu suchen und zur Rückkehr nach Norwegen und in den Dienst zu bewegen. In der chinesischen Metropole gerät sie bald in ein Dickicht aus Drogen und organisierter Kriminalität – und Hole steckt mittendrin. Er gibt sich den Drogen hin, raucht Opium, hat keinen Pass mehr und die chinesische Mafia sucht ihn, weil er Wettschulden hat. Als Kaja Solness ihn schließlich ausfindig macht, zeigt Hole keinerlei Neigung, ihr nach Oslo und ins Kommissariat folgen zu wollen. Erst der Hinweis auf seinen im Sterben liegenden Vater stimmt ihn um. Zu Hause angekommen, zeigt sich Kommissar Hole gar nicht dienstbeflissen. Er hat den „Blues“, hört Miles Davis und versucht, den ständigen Lockrufen von Jim Beam zu widerstehen. Derweil gibt sich der Killer bedeutend entschlossener: Er hat sein drittes Opfer auserkoren ... In seinem achten Fall mutet Jo Nesbø seinem vom Alltag und Schicksal geschlagenen, aber genialen Kommissar mehr zu als je zuvor. Der Täter, der wie ein Leopard nachts auf Beutejagd geht und sich katzengleich an seine Opfer schleicht, erweist sich als unberechenbar und äußerst intelligent. Die Spuren führen Hole von einer einsamen Hütte im norwegischen Hochgebirge bis ins afrikanische Ruanda. Der Seelenzustand des Ermittlers bleibt dabei labil und das Mitleiden des Lesers erreicht seinen Höhepunkt, wenn Hole dem unbarmherzigen Killer schließlich gegenübersteht. Dass Jo Nesbø der erfolgreichste zeitgenössische Autor Norwegens ist und seine Bücher in über 30 Sprachen übersetzt werden, ist nach der Lektüre dieses Romans nur allzu verständlich. Seine Figuren sind stark, seine Sprache angenehm literarisch, der Plot schlicht genial und die Komposition der einzelnen Handlungsfäden meisterlich. In Harry Hole hat Nesbø einen Kommissar zur Welt gebracht, der an die Grenzen geht, der immer wieder in tiefe Abgründe stürzt und wegen seiner Eigenwilligkeit von vielen Kollegen schräg angesehen wird. Doch er ist ein brillanter Ermittler und mit all seinen Schwächen durch und durch sympathisch. „Leopard“ hat in Skandinavien euphorische Resonanz erfahren und die Bestsellerlisten im Sturm erobert. Das kriminalistische und sprachliche Feuerwerk, das Nesbø darin abbrennt, wird zweifellos auch im deutschen Sprachgebiet weit leuchten und für Furore in der Krimiszene sorgen. So haben andere Leser dieses Buch bewertet
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