Jochen Rausch

Im Taxi - Eine Deutschlandreise

Über mehrere Jahre sammelte der Journalist und Grimme-Preisträger Jochen Rausch Gespräche im Taxi: Aus 120 Miniaturen von erstaunlicher Intensität ist das Psychogramm einer multi­­­nationalen Gesellschaft aus einer sehr speziellen Perspektive entstanden.

Verlag: Berlin Verlag
Seiten: 128
Preis: 9,00 €
ISBN: 9783833310812


Seismografen der Gesellschaft
In Deutschland gibt es schätzungsweise 250 000 Taxifahrer, die Tag für Tag und Nacht für Nacht unterwegs sind. Sie kommen mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Milieus in Kontakt, kennen die verschwiegensten Winkel der Städte, die protzigsten ­Villen und miesesten Absteigen. Oft hört man von ihnen Geschichten, die sie im Auto erlebt haben, selten jedoch hört man die eigene Geschichte der fahrenden Erzähler, die meist am unteren Rand der Gesellschaft ­leben.

Irgendwann, so sagt Jochen Rausch, habe er bei seinen zufälligen Gesprächen in den Taxen erkannt, wie viele interessante Lebensläufe sich vor ihm ausbreiteten, und er habe begonnen, gezielt nachzufragen. Im Ton mal nachdenklich, mal heiter, aber immer unverstellt und dabei äußerst einfühlsam hat der Journalist und WDR-Mann die Geschichte seiner Protagonisten in dem Buch „Im Taxi“ kunstvoll literarisch verdichtet.

Viele Taxifahrer haben einen Migrationshintergrund und erzählen von der verlorenen Heimat, vom Ankommen und Leben in Deutschland und nicht selten, wie sie in ihren eigentlichen Berufen hier nie haben Fuß fassen können. Manche sind auch aus ihrer Studentenzeit auf dem Taxi „hängen geblieben“ oder verloren irgendwann ihre Jobs und es blieb nichts anderes, als den Taxi­schein zu machen. Fast alle müssen bis ins hohe Alter Taxi fahren, weil die Rente kaum zum Leben ausreichen wird.

Im Interview erzählt Jochen Rausch über die Entstehungsgeschichte seines Buches, das sich zwischen Dokumentation und Literatur bewegt:



Wie kam es zur Idee für „Im Taxi “?



Ich habe mir vor Jahren schon angewöhnt, öffentliche Verkehrsmittel und Taxis zu benutzen und immer, wenn ich in einem Taxi fuhr, war ich plötzlich in dieser ganz besonderen Situation, in der zwei Wildfremde in einem Auto zusammensitzen. Oft ergaben sich dann interessante Gespräche und ich habe angefangen, mir Notizen zu machen, sofort nach dem Aussteigen. Ohne allerdings zu wissen, was ich eines Tages daraus machen würde.



Wie entstanden diese kurzen Monologe?



Eigentlich ganz einfach: Ich habe schlichtweg versucht, die Gespräche im Nachhinein zu rekonstruieren, zuerst im Frage-Antwort-Modus, und dann habe ich gemerkt, dass meine Fragen vollkommen überflüssig waren, und habe sie gestrichen.



Eine Taxifahrt ist normalerweise sehr kurz, blieb denn genügend Zeit für ein richtiges Gespräch?



Es sind Gespräche auf der Kurzstrecke. Hin und wieder kam es vor, dass ich mich noch am Ziel weiter mit dem Taxifahrer unterhalten habe, weil er mit seiner Geschichte noch nicht durch war. Ich habe mir angewöhnt, selber möglichst wenig zu sagen und lieber zuzuhören. Sonst erfährt man nichts von anderen Leuten.



Die Taxifahrer wussten also nicht, dass sie befragt wurden?



Das ist der Unterschied zum Journalismus: Ich habe mir die literarische Freiheit genommen, die Gespräche, so wie ich sie in Erinnerung hatte, unmittelbar nach der Fahrt aufzuschreiben. Würde man den Fahrern ein Mikrofon hinhalten, bekäme man viele Geschichten gar nicht zu hören. Kein Mensch redet unbefangen in ein Mikrofon. Außerdem gibt es auch illegale Fahrer und Leute, deren Vertrauen ich nicht ausnutzen möchte. Deshalb habe ich zum Teil Orte und Zeiten so verändert, dass Rückschlüsse auf die real existierenden Menschen nicht möglich sind.



Sind Sie mit jedem Taxifahrer ins Gespräch gekommen?



Nein, das ist unmöglich. Inzwischen habe ich aber ein ganz gutes Gefühl dafür, mit wem ich eine Unterhaltung führen kann und mit wem nicht.



Sind Taxifahrer denn immer so auskunftsfreudig wie in dem Buch?



Nicht alle natürlich. Aber viele stehen stundenlang am Warteplatz und sind froh, wenn sie sich unterhalten können. Ich unterhalte mich immer mit Taxifahrern, wenn es geht. Oft erfährt man etwas aus einer Welt, die einem vollkommen verschlossen ist. Ich habe auch sehr viel über Integration und Heimat und auch über uns Deutsche erfahren. Viele Taxi­fahrer haben ja einen Migrationshintergrund und leben eher in den unteren sozialen Schichten, und ich dachte, es wäre vielleicht ganz gut, sich einmal anzuhören, wie wir Deutschen gesehen werden. Übrigens oft viel positiver, als es uns politische Zündler weismachen wollen.



Haben Sie etwas über unsere Gesellschaft erfahren, was Sie nicht wussten?



Ich habe vieles aus der Perspektive der Taxifahrer gesehen. Ich habe sie auch nicht nach Politik gefragt oder mir vorher irgendetwas ausgedacht, was ich fragen könnte. Ich habe einfach gesehen, was sich ergibt, was die Leute gerade bewegt und dann habe ich Fragen gestellt. Manchmal blieb es auch einfach beim Thema Wetter oder dass man mit Taxifahren kaum noch Geld verdient. Neulich bin ich in Köln in ein Taxi gestiegen und habe einfach nur gesagt: Und, wie ist es? Und habe dann eine sehr lustige Scheidungsgeschichte gehört. Am Ende haben der Taxi­fahrer und ich noch fünf Minuten vor dem Haus gestanden, weil er immer noch weitere Anekdoten aus seiner Ehe zu erzählen hatte.


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